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Einige Herren und zwei Damen auf einer Fläche vor einer Präsentation, welche an die Wand geworfen wird.

Wunsch oder Wirklichkeit?
Wie es um die medizinische Versorgung von Erwachsenen mit Behinderung steht – Fachtagung in Neuss

(20.01.2020) Bei Zahnschmerzen steht ein Zahnarzt bereit, bei Knieproblemen hilft der Orthopäde weiter, bei Sehschwierigkeiten der Augenarzt: spezifische Probleme, spezialisierte medizinische Behandlung. Anders sieht das für Menschen mit schweren geistigen oder mehrfachen Behinderungen aus. Für sie gab es lange schlichtweg keine adäquate medizinische Versorgung. Die MZEB - Medizinischen Zentren für erwachsene Menschen mit Behinderung - sollten das ändern. Fünf Jahre nach Gesetzesbeschluss warf die Fachtagung "Wunsch und Wirklichkeit" am 18. Januar einen Blick auf den Status Quo, Probleme und Hürden. Mit dabei waren u.a. Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Prof. Dr. Susanne Schwalen, Geschäftsführende Ärztin der Ärztekammer Nordrhein und Prof. Dr. Peter Martin, Chefarzt Séguin-Klinik.

Gesundheit für alle - mit Hindernissen

Bundesweit gibt es rund 40 Medizinischen Zentren für erwachsene Menschen mit Behinderung, kurz MZEB, die eine Lotsenfunktion in der Behandlung von Menschen mit Behinderungen übernehmen. So auch das MZEB am Johanna Etienne Krankenhaus, das bei komplexen Fragestellungen niedergelassenen Haus- und Fachärzten mit seiner Expertise und den Fachärzten der Klinik weiterhilft und eine umfassende Diagnostik und Behandlungsplanung bietet. Das MZEB am Etienne unterstützt, wenn die Möglichkeiten des Hausarztes erschöpft sind. „Wir verfügen hier über die verschiedenste apparative Diagnostik, können vor Ort Fachärzte der Klinik hinzuziehen oder Therapeuten der Savita wie Logopäden oder Physiotherapeuten konsultieren“, weiß Dr. Michael Elstner, Leitender Arzt im Zentrum. „Ein großer Vorteil ist vor allem, dass wir hier viel mehr Zeit für den Patienten haben.“ Denn gerade für Menschen mit schweren Behinderungen, die sich oftmals mündlich kaum oder gar nicht äußern können, ist es wichtig, Vertrauen zu fassen und eine Bindung zum behandelnden Arzt aufzubauen. „Viele unserer Patienten haben Angst vor dem Arztbesuch, weil sie in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht haben. Häufig ist die Behandlung damit verbunden, dass es weh tut, beispielsweise beim Blutabnehmen“, führt Elstner weiter aus. Mit viel Zeit und speziellem Know-how zu Behinderungen und zum Umgang damit ist das im MZEB anders.

Doch es gibt auch einige Hindernisse, die im Rahmen des Fachtagungs zur Sprache kamen. Annika Stollenwerk, Chefärztin des Neusser MZEBs führte aus: „Als wir das MZEB vor rund eineinhalb Jahren feierlich eröffnet haben, war die Hoffnung groß, dass wir so die Versorgung von Menschen mit schweren Behinderungen verbessern. Die Realität zeigt jedoch, dass wir über viele Alltagsprobleme stolpern. Die formalen Hürden und Barrieren sind zu hoch. Wunsch und Wirklichkeit passen in diesem Fall nicht immer zusammen.“ Das MZEB kann etwa nur Patienten behandeln, bei denen ein Grad der Behinderung von mindestens 70 Prozent und bestimmte Merkzeichen wie Blindheit oder Gehbehinderung vorliegen. Außerdem ist für die Behandlung eine Überweisung des Hausarztes mit akuter und konkreter Fragestellung notwendig. Und die meisten Menschen mit schweren Behinderungen sind auf einen Transport zum Zentrum angewiesen, denn das MZEB darf nicht in die häusliche Wohnung kommen und dort behandeln. Das stellt Wohnheime und Angehörige vor eine große Herausforderung. „Wenn wir auch aufsuchend tätig sein dürften, wäre schon etwas gewonnen“, meint Dr. Stollenwerk.